Festival Opening: Tash Aw, The South (Event in English)
7.11.25 | 20:00-21:30 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Tobias Döring

Set in Malaysia in the late 1990s, Tash Aws The South tells an intimate story of young love, inheritance, family and the existential struggle to navigate a changing world. 16-year-old Jay travels south with his family to the property his late grandfather has left them, a once-flourishing farm that has fallen into disrepair. The trees are diseased, the fields parched from months of drought. Despite these dire conditions, Jay’s father sends him out to work the land. Over the course of these hot, stifling days, Jay finds himself drawn to Chuan, the son of the farm’s manager. Out in the fields, and on the streets leading into town, the tension between the boys intensifies – whilst inside the house, the other family members begin to drift apart.
Conjuring the damp heat of summer, the intensity of physical desire, and a deep sense of longing, Tash Aw’s novel masterfully engages all the senses while delicately exposing the fractures running through both family and society. Its poignant prose reveals an acute awareness of the role that class and language play in shaping people’s lives, relationships and sense of belonging.
„A sublime novel from one of the most important writers of our present“ – Édouard Louis
The South was longlisted for the Booker Prize 2025
Tash Aw was born in Taiwan in 1971 and grew up in Kuala Lumpur. He studied law and creative writing in the UK and has published several novels, as well as a memoir of his Chinese-Malaysian family. His work has won numerous awards, including the Whitbread and Commonwealth Prizes. He has been longlisted for the Booker Prize three times and his fiction has been translated into more than 20 languages.
As an essayist and critic, he has contributed to The Paris Review, The New York Review of Books, and The New York Times, among many other publications. He has translated two books by Édouard Louis and has been shortlisted for the TA First Translation Prize. He held the Samuel Fischer Gastprofessur for Literature at the Freie Universität in Berlin during the winter semester of 2025/26.
Schreibworkshop mit Sophia Merwald: Rage Writing. Anleitung zum Schreiben mit Wut
8.11.26 | 10:00-12:30 Uhr | Glitch Bookstore (Barer Str. 70)

Kennt ihr das Gefühl, wenn euch das Blut in den Kopf schießt? Wenn euer Körper vibriert und ihr einfach ausrasten wollt? Wir fragen uns, wann Ungerechtigkeiten so groß werden, dass sie kaum mehr auszuhalten sind: Was passiert in unseren Körpern, in unseren Köpfen? Welche Sprache spricht die Wut? Wie können wir artikulieren, was hinter dieser Wut steht? Wie können wir die Wut als kreativen Motor nutzen, ohne uns von ihr überschwemmen zu lassen?
Wir wollen nicht wild um uns schlagen, sondern die Kraft der Wut produktiv nutzen. Wir wollen gemeinsam erkunden, welche Geschichte eure Wut erzählt und sie als Quelle der Kreativität anerkennen. Wir suchen nach Formen für eure Wut, wir wollen ermächtigen und ermutigen.
Sophia Merwald studierte Journalistik sowie Film- und Medienkultur-Forschung. Sie gibt Schreibworkshops, arbeitet als Schriftstellerin und freie Journalistin. „Sperrgut“ (park x ullstein, 2026) ist ihr Debütroman, für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Alfred-Döblin-Preis und dem Kranichsteiner Literaturförderpreis. Sie lebt und arbeitet in München.
Muri Darida: King Cobra
8.11.26 | 14:00-15:30 | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Felicitas Friedrich

Lazi hat eine Mission: das Gewehr des Großvaters András zu holen, das sich vermutlich in einem Haus in Őzbarna befindet, dem ungarischen Dorf, aus dem der Großvater einst floh, wobei er nicht, wie ursprünglich geplant, in Argentinien landete, sondern in Eppingen. Es kursieren in der Familie unterschiedliche Versionen darüber, wo genau dieses Gewehr ist und wer es hat, am ehesten aber wohl Tante Mónika, zu der seit Langem kein Kontakt mehr besteht, obwohl auch sie in Őzbarna wohnt. Vorsichtig knüpft sich zwischen Lazi und Mónika ein Kontakt, spinnen die beiden Fäden aus dem Nicht-Gesagten, dem bloß in Halbsätzen Angedeuteten und der Vergangenheit, die der Grund für Lazis Reise und für Lazis Wunsch nach Rache ist. Einzig Mónika und Großcousine Zsófi scheinen in Lazi nicht nur das Kind zu sehen, das Lazi einmal war, sondern die Person, die Lazi jetzt ist.
King Cobra ist ein Roman, der Worte findet, ohne zu benennen. Der zwischen Deutsch und Ungarisch, zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine Erzählperspektive entfaltet, die in der deutschsprachigen Literatur ihresgleichen sucht. Zärtlich und aufmerksam und mit einem wunderbaren Sinn für Drama ebenso wie für Komik begleitet Muri Darida die Romanfiguren bis in ihre Widersprüche und Widerstände. King Cobra ist ein Roman, der mit seiner fröhlichen Sprachgewalt und Lust am Erzählen, am Erfinden, am Experimentieren vorführt, was Literatur kann: nämlich alles.
Muri Darida lebt und schreibt zwischen Berlin und Budapest an den Schnittstellen von Sprache, Macht und Widerstand. Literarische Publikationen u.a. in BELLA triste, Edit, mosaik und Jenny. Zu politischen und gesellschaftlichen Themen publiziert Muri Darida regelmäßig u.a. auf ZEIT ONLINE, arte, taz und SZ. Mit einem Auszug aus King Cobra war Darida für den Wortmeldungen Förderpreis 2022 nominiert und gewann den Publikumspreis des Open Mike 2024. 2026 erhielt er für den Roman den Robert-Walser-Preis und wurde für den deutschen Buchpreis nominiert.
Übersetzer*innen im Gespräch: Mit Sonja Finck und Frank Weigand
8.11.26 | 16:00-17:30 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: LJ Jeschke
Das Queere Literaturfestival München behält seinen Fokus auf das literarische Übersetzen als künstlerische und politisch-aktivistische Praxis bei!
In dieser Ausgabe treten zwei Übersetzer*innen miteinander ins Gespräch, die seit Langem einen wichtigen Beitrag zu der Zugänglichkeit queerer Literatur im deutschsprachigen Raum leisten und die zudem eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet: Sonja Finck und Frank Weigand. Beide blicken auf ein umfangreiches und überaus vielfältiges übersetzerisches Œuvre zurück – Finck u.a. als Übersetzerin von Annie Ernaux und Édouard Louis, Weigand u.a. als Übersetzer von Laura-Ève Lambert und Jordan Tannahill. Mit LJ Jeschke sprechen sie über die besonderen Herausforderungen des Übersetzens queerer Texte und Theaterstücke. Was bedeutet es, queere Texte zu übersetzen, welche Herausforderungen ergeben sich dabei zwischen den Sprachen? Welche Erfahrungen haben sie als Übersetzer*innen im Literaturbetrieb gemacht, welche Hindernisse standen ihnen beim Übersetzen queerer Texte im Weg? Was verändert sich schließlich, wenn Übersetzen als gemeinsamer, kollaborativer Prozess verstanden und praktiziert wird?
Im Fokus stehen dabei die aktuellen Übersetzungen der beiden von Laura Vazquez (Die Kräfte), Édouard Louis (Anleitung ein anderer zu werden) und Laura-Evè Lambert (Querelle de Roberval sowie Möge uns die Freude bleiben).
Sonja Finck, geboren 1978, lebt als non-binäre Übersetzer.in abwechselnd mit Frau, Katze und Klavier in einem Häuschen in Gatineau (Kanada) und mit sechs Mitbewohner.innen in einer Berliner WG. Nach einer Artistikausbildung in Toulouse folgte ein Studium des Literaturübersetzens in Düsseldorf und Madrid. Im Rahmen eines Verlagspraktikums kam sie an ihre ersten Aufträge: Lesbenkrimis, übersetzt aus dem Englischen. Mittlerweile übersetzt Finck seit 22 Jahren Bücher und Theaterstücke, hauptsächlich aus dem Französischen, aber auch aus dem Englischen und Spanischen. Zu den von ihr übersetzten Autor.innen gehören Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon, Laura Vazquez und Chinelo Okparanta. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem André-Gide-Preis, dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Eugen-Helmlé-Preis für ihr Gesamtwerk. Sie ist als ehrenamtliche Übersetzerin für SOS Humanity und als Gastdozentin für den Studiengang Literaturübersetzen der Universität Düsseldorf tätig.
Frank Weigand, geboren 1973 in Stuttgart, studierte Romanistik, Philosophie und Komparatistik in Mainz und Dijon und lebt als freiberuflicher Kulturjournalist und Übersetzer in Berlin. Er interessiert sich vor allem für kollaborative Übersetzungsprozesse und den machtpolitischen Aspekt sprachlicher und kultureller Übertragung. Bislang hat er rund 150 Theaterstücke hauptsächlich französischer und frankophoner Dramatiker*innen sowie Sachbücher aus den Bereichen Soziologie, Philosophie und Performancetheorie ins Deutsche übertragen. In Kollaboration mit muttersprachlichen Kolleg*innen übersetzt er außerdem zeitgenössische Dramatik aus dem Rumänischen und dem Hebräischen. Seit einigen Jahren übersetzt Frank Weigand auch Prosa, dabei vor allem die Romane von Laura-Ève Lambert und Jordan Tannahill. Er ist Mitherausgeber der Theateranthologie „SCÈNE – neue französischsprachige Theaterstücke“ (seit 2011) und der Anthologie „SPUREN – zeitgenössische Theatertexte aus afrikanischen Ländern und der afrikanischen Diaspora“ (2025). Seit 2021 leitet er das Webarchiv und Online-Magazin für Theaterübersetzung plateforme.de.


Queere Lyrik. Alexander Schnickmann, Gestirne und Anna Julian Mendlik, Dante im Darkroom
8.11.26 | 18:00-19:30 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Jan Geiger
der Himmel düster & leer
ein schwacher Schein
über Bäumen
die Spur einer Spur– GESTIRNE
Bei dieser Veranstaltung treffen zwei Größen der deutschsprachigen Lyrikszene aufeinander: Alexander Schnickmann und Anna Julian Mendlik. In ihren neu erschienenen Gedichtbänden eröffnen sie einen Raum, der sich in höchste Höhen und tiefste Tiefen erstreckt und dabei im Zusammenspiel von (Neon)Licht und Dunkelheit schimmert.
In Schnickmanns Gestirne. Weltraumgedichte richtet das Ich seinen Blick sehnsuchtsvoll in die Weite des nächtlichen Himmels. Schlaflos und umhüllt von Dunkelheit sucht es nach den Körpern der Planeten, der Geliebten, die nah und fern zugleich erscheinen. Erinnerungen an vergangene Nächte überlagern sich mit den traumhaften Beobachtungen der Gestirne und der Bewegungen des Kosmos. Im endlosen Raum des Weltalls findet sich dabei das Allernächste: die irdisch-himmlische Liebe. Gestirne ist Liebesgeschichte und Himmelskartographie. Der Band nimmt uns mit durch Krater und Dämpfe, die Stoffe der Welt und die Windungen der Sphären.
Mendlik durchquert in Dante im Darkroom mythologische und biblische Landschaften und schreibt dabei die kanonischen Erzählungen um. Die Gedichte bewegen sich zwischen der Ikonographie von Dantes Göttlicher Komödie und Räumen queerer Sexualität – Darkroom und Paradies werden zu Spiegelbildern, zwischen Safeword und Gebet. Sexuelle Praktiken werden als liturgische Akte zelebriert; ein Begehren wird explizit, das in der dichterischen Überlieferung oft keine Stimme hatte. „Diese Lyrik schreibt die großen Erzählungen des Kanons aus einer queeren Gegenwart heraus weiter und zeigt, wie beweglich Mythos sein kann, wenn die Körper, die ihn bevölkern, selbst sprechen dürfen.“ (Alexandru Bulucz, buchkultur)
nur wer die wahrheit leugnet, glaubt
an unsre heiligkeit
belladonnen, gefallene engel
die lichter des himmels sind uns zu grell
– Dante im Darkroom
Alexander Schnickmann, 1994 geboren, aufgewachsen in Bergkamen im Ruhrgebiet, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2023 wurde er mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Essays, Prosa und Gedichte erschienen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Sein Debüt requiem erschien 2024 bei Matthes & Seitz Berlin. Zuletzt erschien der Gedichtband Gestirne, ebenfalls bei Matthes & Seitz Berlin. Für seine Erzählung Fuck Nature, Start Writing wurde er 2026 mit dem Deutschen Preis für Nature Writing ausgezeichnet.
Anna Julian Mendlik (*1986), lebt als Autorin in Berlin, zuletzt erschienen die Lyrikbände Pandoras Playbox (2022) und Dante im Darkroom (2026). Sie beteiligte sich an vielen künstlerischen Kooperationen zum Austausch von Lyrik und visueller Kunst, Musik oder Gebärdensprachpoesie. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, so mit dem Basler Lyrikpreis 2023. Im Literarischen Colloquium co-kuratierte sie 2024 das Festival Coming Out, Inviting In.


Und jetzt queer! Chancen und Hürden eines ‚Lesens jenseits der Norm‘. Stationenlesung mit Marlon Brand
9.11.26 | 17:00-18:30 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Maciej Bakinowski

Wer von einem „queeren Kanon“ spricht, handelt sich Widersprüche ein. Etymologisch leitet sich das Wort „Kanon“ nämlich aus dem Altgriechischen her, wo es ‚Richtschnur‘ oder ‚Regel‘; ursprünglich sogar ‚Rohrstab‘, ‚gerade Stange‘ oder ‚Lineal‘ bedeutet. Als „Queer“ hingegen pflegen wir gerade das zu bezeichnen, was nicht „straight“ ist, also von der (heterosexuellen, cisgeschlechtlichen, monogamen etc.) Regel abweicht, die unsere Gesellschaft bis heute bestimmt. Schließen diese beiden Begriffe einander also nicht aus? Was bleibt vom kritischen Potential und der Nicht-Normativität queerer Autor:innen und Texte übrig, wenn sie in einen Katalog aufgenommen werden, der ganz buchstäblich beansprucht, alte Normen zu bewahren und neue zu definieren? Oder ist der Kanon immer schon queerer, als er auf den ersten Blick erscheinen mag?
Bianca-Maria Braunshofer, Tobi Schiller und Marlon Brand greifen in ihrem Buch Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm (2026) nicht nur diese theoretischen Fragen auf, sondern bieten den Leser:innen auch praxisorientierte Perspektiven auf den Einsatz queerer Literatur im Schulunterricht, ein großes Glossar sowie zahlreiche Lektüreempfehlungen von der Antike bis zur Gegenwart. Unsere Veranstaltung nimmt diese methodische Vielfalt zum Anlass, um ein neues Format zu erproben: Marlon Brand wird das Publikum nicht nur zwischen den Seiten von Und jetzt queer! entlang-, sondern auch auf eine Spurensuche zwischen den Regalen der Münchner Stadtbibliothek führen. Die Stationenlesung wird durch ein Gespräch zwischen Marlon Brand und Maciej Bakinowski (Kuration QLFM) über das Verhältnis von Kanon und Zensur gerahmt. Denn dass Kanonisierungsprozesse untrennbar mit Macht- sowie Autoritätsfragen zusammenhängen und politisch stark umkämpft sind, sollte nicht nur am Beispiel US-amerikanischer „book bans“, sondern auch in einem spezifisch deutschen Kontext genaustens beobachtet und analysiert werden.
Marlon Brand studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum. 2017 gründete er den Blog Books are gay as fuck, der mit seinem breiten Portfolio differenzierter Artikel und Rezensionen längst zu den Hauptschauplätzen queerer Literaturvermittlung im deutschsprachigen Raum gehört. Seit 2021 gibt er mit Tobi Schiller das Newsletter-Magazin „Queerer Kanon?“ heraus. Gemeinsam mit Bianca-Maria Braunshofer haben sie ihre Expertise in den Bereichen Literaturvermittlung, Sozialpädagogik und queere Archivarbeit zum Buch Und jetzt queer. Lesen jenseits der Norm gebündelt, das 2026 bei Leykam erschien.
I.V. Nuss, R-O-N=O
9.11.26 | 19:00-20:30 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Elisabeth Hager

CW: Transhass, Selbstmord, Gore, Drogen, Tod
Rot wie ein Gefahrenhinweis hebt sich der Buchtitel vom Schwarz-Weiß des Titelbildes ab, das zwei Furries in freier Wildbahn zeigt. Sie lehnen an einem Baumstamm und sind im Begriff, übereinander herzufallen. Damit ist allerdings noch nicht viel gesagt, denn das Bedeutungsspektrum des Übereinanderherfallens ist bekanntlich groß. Handelt es sich um eine Szene der Aggression? Dann werden sie einander verschlingen. Handelt es sich um eine Szene der Zärtlichkeit? Dann werden sie sich enger aneinander schlingen. Vielleicht besteht ihre Lektion aber auch schlicht darin, dass solche Ambivalenzen – auch auf sexuellem Terrain – auszuhalten und Grenzlinien nicht mehr ohne weiteres zu ziehen sind.
Dass das Titelbild ausgerechnet mit einer Nachtsichtkamera aufgenommen wurde, reißt die Leser:innen ins Reich der Träume und Fieberträume, dem dann auch Titel und Untertitel als Ortstafeln dienen: R-O-N=O. Eine Dissoziation. Es handelt sich hier um die allgemeine Strukturformel für Alkylnitrite, zu denen auch jene halb legalen, halb illegalen Substanzen gehören, die in der MSM-Szene besser unter dem Namen ‚Poppers‘ bekannt sind und deren gefäßerweiternde, aphrodisierende und schmerzhemmende Wirkung ihre Beliebtheit beim Analsex erklärt. Mit einem Text, der sich solcherart als eine chemische Verbindung etikettiert, die ins intimste Körpererleben eingreift, erinnert I.V. Nuss daran, wie rauschhaft Lesen sein kann. R-O-N=O reiht sich in eine neue Gruppe literarischer Wirkstoffe ein; ist Roman, Tagebuch, Transitionsbericht, Essay und Kulturgeschichte der Furries in einem. „Dissoziation“ ist hier schon deshalb Formprinzip, weil der fragmentarische Text durchgehend ein ‚Du‘ anspricht, das jede Distanz der Leser:innen zum Geschehen kollabieren lässt, ohne je ganz den Verdacht abzuschütteln, trotzdem noch Selbstanrede der Erzählstimme zu sein. Und wie Poppers, die dem Schließmuskel mit einem kurzen „Flash“ über die Schwelle von Verkrampfung und Entspannung, Schmerz und Lust verhelfen, changieren die Kapitel rasch und rauschhaft zwischen Leichtem und Schwerem; schallendem Gelächter und tiefer Verstörung. Man könnte dieses Wechselspiel auch als Dialektik des Furry bezeichnen. Selig ist, wer sich an weiches Fell schmiegt – verloren, wer die Krallen vergisst.
Ivy Valerie Nuss lebt als Autorin in Berlin. Ihre Familie ist nahe eines der größten und schönsten Atomkraftwerke Russlands aufgewachsen. Ihr ersten Roman Die Realität kommt erschien 2022, im Herbst 2025 folgte ihr zweites Buch R-O-N=O. www.ivynuss.de
Kuku Schrapnell, Gender Punks
10.11.26 | 18:00-19:00 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Milo Čortanovački

In Gender Punks folgt Kuku Schrapnell den Lebenswegen trans- und intergeschlechtlicher Personen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse, Lucy Hicks Anderson oder Danshō Okiyo – das sind einige Namen der queeren Ikonen, deren Leben sich den Gender-Kategorien ihrer Zeit ebenso widersetzten wie unseren heutigen Vorstellungen davon, was möglich war.
Das Besondere an diesem Buch sind dabei nicht nur die Geschichten, die Kuku Schrapnell in den Archiven entdeckt, sondern die Art, wie sie ihnen begegnet und sie erzählt: mit feinem Humor und wunderbarem Gespür für die unterschiedlichen Facetten dieser Lebensgeschichten. Denn die historischen Gender Punks sind nicht einfach idealisierte Held:innen des Widerstands. Kuku Schrapnell erzählt auch von den Widersprüchen und Brüchen, und dem schwierigen Versuch, in patriarchalen Machtverhältnissen zu (über-)leben.
Wie lässt sich in solchen Verhältnissen leben – und gegen sie? Wie schmieden sich Allianzen, wie gelingt Solidarität, wie sieht widerständiges Leben auf individueller und kollektiver Ebene aus? Und wie viel Unverfrorenheit braucht es, um ein Leben jenseits der Normen zu führen? Diesen Fragen geht Kuku Schrapnell in Gender Punks nach. Ihr Buch erzählt von Menschen, die sich nicht ohne Weiteres einordnen ließen und lassen – und eröffnet damit neue Perspektiven auf unsere Gegenwart.
Kuku Schrapnell, geboren und aufgewachsen im Westen, studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Erziehungswissenschaften im Osten. Kuku arbeitet als Speaker*in und leitet Workshops in Berlin und darüber hinaus. Kuku arbeitet zu Queerer Geschichte, Trans- und Geschlechterpolitiken und gilt völlig zu Unrecht noch nicht als Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus.
Abschlusslesung: Sophia Merwald, Sperrgut
10.11.26 | 19:30-21:00 Uhr | Saal X, Gasteig/HP8 | Moderation: Franziska Setare Koohestani

Sophia Merwalds Roman Sperrgut ist „den Einsamen“ gewidmet und erzählt von der Zärtlichkeit und ständigen Bedrohung einer queeren Gemeinschaft.
Das Personal des Romans siedelt sich im „Lusthansa“ auf dem Gelände eines scheinbar verlassenen Frauenhauses an. Hier verschwören sich Kristalloma, Maj, Stevie, Bruno, der Vater und Linde in queerer Familie, Freund*innen- und Kompliz*innenschaft sowie all den seltsamen Formen und Nuancen von Nähe, die dazwischen liegen und für die es noch keine eigenen Wörter gibt. Sophia Merwald erkundet sie mit ihrer spielerischen, immer wieder in ein lyrisches Register gleitenden Sprache in diesem Roman. In ihrem ungewöhnlichen und poetischen Text treten sehr konkrete, politische Fragen wie ungleiche Verdrängungskämpfe um (Wohn-)Raum, kapitalistische und bürokratische Hierarchisierungen von Beziehungen sowie die Suche nach Formen des Widerstands an die Oberfläche.
Sophia Merwald studierte Journalistik sowie Film- und Medienkultur-Forschung. Sie gibt Schreibworkshops, arbeitet als Schriftstellerin und freie Journalistin. Sperrgut (park x Ullstein, 2026) ist ihr Debütroman, für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde; zuletzt mit dem Alfred-Döblin-Preis und dem Kranichsteiner Literaturförderpreis. Sie lebt und arbeitet in München.